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2015 (Burg Rothenfels)

Die 7. DGA-Nachwuchstagung führte die rund fünfzig Teilnehmer und Kommentatoren in die luftigen Höhen der Burg Rothenfels am Main. Bei diesen Rahmenbedingungen mag sich die Assoziation an den vielzitierten Elfenbeinturm aufdrängen, in dem der weltfremde Gelehrte abstrakte Ideen hin- und herwälzt. Weit gefehlt: Unter dem Dachthema „Umbruch und Entwicklung in Asien“ wurden mehrheitlich jüngere und jüngste politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Transformationsprozesse diskutiert. Dass das Interesse an asienwissenschaftlicher Forschung und ihre Relevanz stetig wächst, schlage sich auch in der bisher größten Zahl an Anmeldungen nieder, wie die Sprecher­Innen bei der Eröffnung bekannt gaben.

Die methodische und disziplinäre Vielfalt der Tagung spiegelte sich bereits im ersten Panel mit Indien-Bezug wider. Thomas Pallien (RWTH Aachen) skizzierte, wie das neue indische Gesellschaftsrecht die Bedingungen für ausländische Direktinvestoren erschwert hat, und die wirtschaftlichen Erwartungen westlicher Investoren an den „Elefanten“ dämpfen dürfte. Mette Gabler (HU Berlin) richtete den Blick auf Werbung in Neu Delhi, und zeigte die Verschränkungen zwischen kommerziellem und sozialem Sektor anhand von Fernsehspots und Slogans auf, die u.a. die jüngsten Gewalttaten gegen Frauen thematisieren. Henning Möldner (Uni Erlangen-Nürnberg) erörterte aus politikwissenschaftlicher Perspektive, wie das Thema Kernenergie nach Fukushima in indischen Printmedien verhandelt wird.

Die Vorträge am Samstagvormittag spannten einen Bogen von wirtschaftlichen und klimapolitischen Fragen bis hin zu Themen des zivilgesellschaftlichen und urbanen Wandels. Mit Blick auf die chinesische Außenwirtschaft sprachen David Reitemeier (Uni Göttingen) über finanziellen Regionalismus in Ostasien, und Franziska Plümmer (Uni Tübingen) über Binnenhäfen entlang des Mekongs, die sich als neue regionale Knotenpunkte herauskristallisierten. Mit Problemen innerstaatlicher Misswirtschaft in China seit den Nullerjahren befasste sich Laura Gruß (PT-DLR) am Beispiel irrationaler Investitionen in der Photovoltaikindustrie. Zudem hemmten staatliche R&D Subventionen die industrielle Investitionsbereitschaft, wie Philipp Böing (ZEW) aufzeigte. Staatliche Bestrebungen richten sich in jüngster Zeit vermehrt auch auf die Erreichung klimapolitischer Ziele. Falko Loher (Uni Wien) stellte vor, inwieweit der chinesische und koreanische Staat NGOs an der Implementierung von emissionsverringernden Maßnahmen teilhaben lässt. Ob und wie sich angesichts dieser Entwicklungen ein Strukturwandel in den chinesischen Kohlerevieren vollzieht, untersucht Matthias Falke (Uni Bochum) am Beispiel von Xiaoyi City.

Gesellschaftlichen Transformationsprozessen widmete sich u.a. Katja Yang (Uni Würzburg), die die Modernisierung Chinas als klassische Individualisierungserzählung skizzierte, in der Bildung als ein wichtiger Katalysator in der Umwälzung der Gesellschaftsordnung seit den 1980er Jahren gelten kann. Im urbanen Japan hat die veränderte Familienstruktur neue Subkulturen hervorgebracht, wie Inger Maleen Bachmann (Uni Hamburg) in ihrer Analyse von japanischen Seniorenclubs als Feld bürgerschaftlichen Engagements feststellte. Dass die Idee von der Bürgerstadt in China angesichts staatlicher Repression umkämpft ist, vollzog Ryanne Flock (FU Berlin) am Beispiel von Bettlern und Straßenhändlern nach, die die Grenzen des öffentlichen Raums austesten.

Die Vorträge am Samstagnachmittag konzentrierten sich auf sozio-politische sowie historische und ideologische Transformationsprozesse. Christina Maags (Uni Frankfurt) erläuterte, wie der Boom immaterieller Kulturerbe-Programme in China neue Möglichkeiten für Einzelpersonen und Regionen bietet, sich zu profilieren. Die Nutzung von staatlichen Programmen für den Karriereaufstieg lokaler Kader thematisierte auch Lena Kuhn (IAMO) in ihrer Evaluation staatlicher Sozialtransfers im ländlichen China. Hier zeigte sie auf, wie Informationsasymmetrien zwischen Akteuren zu einem Missmanagement führen. Während der Diskussion wurde deutlich, dass es – trotz behindernder Faktoren – lokale Bestrebungen gibt, das System der Sozialtransfers z. B. durch die Transformation von ländlichen Regionen in städtische Bezirke zu reformieren.

Den Abschluss des Samstags bildeten Vorträge mit geo-politischer und historischer Fragestellung. Aus einem literaturhistorischen Blickwinkel erörterte Elisabeth Schleep (Uni Freiburg) autobiographische Kindheitserinnerungen an die späte Mao-Ära. Die Konstruktion von Erinnerung und Erinnerungsperspektiven, so wurde in der Diskussion deutlich, ist aufgrund ihrer Vielschichtigkeit mit großen hermeneutischen Herausforderungen verbunden. Peter Kesselburg (Uni Freiburg) erläuterte die Bedeutung von paradiplomatischen Handelsbeziehungen zwischen China und seinen südostasiatischen Nachbarn. Er legte dar, dass es insbesondere Beziehungen zwischen subnationalen Regierungsebenen in der Region sind, die es China ermöglichen, seinen Einfluss in Südostasien auszuweiten. In der anschließenden Diskussion stand die Frage nach der Eingrenzung der Forschung im Mittelpunkt. Hier hob das Publikum hervor, wie eine präzise Fallauswahl und Begriffsdefinition dabei helfen können die Forschungsfrage einzuschränken.

Am Sonntagvormittag betrachtete Julia Ritirc (Uni Wien) das Ausbildungssystem von Kadern als einen Aspekt institutionellen Wandels in China. Unter systemtheoretischen Gesichtspunkten erläuterte sie, wie Kader-Trainingspläne von der zentralen Regierungsebene auf Provinz- und Bezirksebene übermittelt werden. Wie haben sich Wanderarbeiter in Westchina formiert und welche Strukturen stellen sich in den jüngsten Arbeiterkonflikten heraus? Dieser Frage ging Daniel Fuchs (SOAS London) nach. Zuletzt thematisierte Nina Khan (HU Berlin) Indiens Rolle als „neue Geber“ in der Entwicklungshilfe.

Als einziger Referent zur Randregion Afghanistan-Pakistan beleuchtete Andreas Dürr (HU Berlin) den islamischen Bildungstransfer von Islamabad nach Kabul als einen vernachlässigten Aspekt der Scharia-Tradition. Anhand des Brautpreises erläuterte er, inwiefern diese Einflüsse gegenüber der lokalen Paschtunen-Tradition sogar Vorteile für Frauen mit sich brächten. Angesichts der aktuellen Debatten um Islam und Islamismus hat dieser Vortrag verdeutlicht, wie sehr kulturelle Kenntnisse vonnöten sind, um zu einer differenzierten Betrachtung des Themas zu gelangen. Als letzte Amtshandlung berief das Sprecherteam nach den beiden Abschlusspanels Neuwahlen ein. Während Raphael Susewind als Sprecher erhalten bleibt, verließen Isabel Dettmer, Elena Klorer und Antje Heinrich das Team. An ihre Stelle traten Franziska Plümmer, Robert Pauls und Christina Maags.

Das oft so blutlos erscheinende Wort „interdisziplinär“ hat sich im Format der Panels mit Leben gefüllt, wofür insbesondere den KommentatorInnen und OrganisatorInnen Dank gebührt. Das eigene Thema einem so breit gefächerten wie kritisch geschulten Publikum vorzustellen, war ein Lackmustest, der Schwachstellen im empirischen Fundament, in der Aussagekraft von Quellen, oder in der Vereinbarkeit von Theorie und Problemstellung aufzeigte. Als eine allgemeine Herausforderung kristallisierte sich heraus, die regionale Einbettung nicht über disziplinären Forschungsfragen, Methoden und Theorien aus dem Blick zu verlieren. Der interdisziplinäre Austausch der Tagung hat sich gewiss nicht in den Diskussionen im Panel erschöpft, sondern wurde – vom fränkischen Bier angeregt – im persönlichen Gespräch fortgesetzt. Die luftigen Höhen von Burg Rothenfels beflügelten also in jeglicher Hinsicht den Geist!

Johanna Hahn, Annika Renner und Christina Maags

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